Schreibabys
Emotionale Begleitung zur Bindungsförderung für Schreibabys und deren Eltern in Krisen
Umfassende Unterstützung hierzu in der Praxis imLot
Der Geburtstermin rückt näher, die Eltern bereiten alles vor und freuen sich auf ihr Kind. Doch dann kommt Vieles anders. Das Neugeborene schreit und schreit, ist durch nichts zu beruhigen. Die Nerven, insbesondere der Mutter, sind zum Zerreißen gespannt. Der Säugling steht unter hoher energetischer Anspannung, sein Selbstregulationsmechanismus ist gestört. Das Schlafdefizit von Mutter und Kind ist nicht mehr zu kompensieren. Bei den Eltern können sich Schuldgefühle und starke Aggressionen entwickeln. Die Beziehung der Eltern ist auf dem Prüfstand und die Bindung zum Kind ist gestört. Hier ist schnelle Hilfe angesagt.
Die Ursachen können vielseitig sein. Schwangerschaft: unerwünschte Schwangerschaft, hoher Stress der Mutter und Angst um das Kind, Stressiger Umzug, Drogen und Alkohol, Beziehungsprobleme, Tod in der Familie u.v.m.. Geburt: Traumata bei der Geburtspassage, Narkosegifte, „unwürdige“ Behandlung der Mutter durch das Krankenhauspersonal, Trennung von Mutter und Kind, Zangengeburt, Kaiserschnitt u.v.m. Dies ist nur eine geringe Anzahl von möglichen Ursachen für die Schreibaby-Symptomatik.
Was tun? Die Mutter muss ihr Vertrauen in sich zurück gewinnen, dass sie eine „gute“ Mutter ist. Sie muss Atemraum für sich schaffen, wieder mit sich in Kontakt kommen, damit sie das Baby mit ihrem hohen energetischen Level nicht mehr „ansteckt“. Gezielte reichianische Massagen, Atem- und Wahrnehmungsübungen, empathische Gespräche und andere Formen der Körpertherapie finden hier Anwendung. Das Ziel ist, dass Frieden bei der Familie einkehrt und das schnell. Die erste Zeit nach der Geburt ist prägend für das spätere Leben des Kindes. Das Kind gedeiht und findet bald Heilung, wenn die Atmosphäre entspannt und liebevoll ist im System seiner Bezugspersonen.
Körperpsychotherapeutische Arbeit mit Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit
Die Berliner SchreibabyAmbulanzen in den Nachbarschaftszentren des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes
Paula Diederichs und Gerd Poerschke
In den Berliner SchreiBabyAmbulanzen wird Krisenintervention und erste emotionale Hilfe für Eltern mit Kindern bis zu drei Jahren in extrem belastenden Lebenssituationen angeboten. Sie dient der Prävention von Gewaltübergriffen auf Babys und Kleinkinder und dem Stressabbau innerhalb des gesamten Familiensystems. In den 5 bestehenden SchreiBabyAmbulanzen arbeiten 5 MitarbeiterInnen. Sie sind alle in der körperpsychotherapeutischen Methode der Krisenbegleitung für Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit von Paula Diederichs ausgebildet. Aufgesucht werden sie von extrem erschöpften, höchst verzweifelten und zunehmend aggressiver werdenden Eltern, deren Babys entweder Symptome wie exzessives Schreien oder Schlaf- und Unruhezustände haben oder mit Kleinkindern von 6 Monaten bis 3 Jahren mit Schlaf-und Essstörungen. Gleichzeitig zeigen sie erste Entwicklungsverzögerungen.
Die SchreibabyAmbulanz im Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum (NUSZ) der Ufa-fabrik in Berlin Tempelhof wird seit 1993 von der Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Sport (Landesjugendamt) Berlin im Rahmen der Familienbildungsarbeit des NUSZ gefördert. Seit 2001 erhalten wir eine zusätzliche Förderung durch die Charlotte Steppuhn-Stiftung, so dass das Angebot ausgebaut werden konnte. Hinzu kommen verschiedene Spenden. Die Eltern leisten einen Eigenanteil von zur Zeit 10,- bzw. 30,- € abhängig von ihrem Einkommen.
Theoretischer Hintergrund
Die Basis unserer Arbeit bildet die Lehre Wilhelm Reichs und seiner Tochter Eva Reich. Da es in der Praxis hauptsächlich um Kriseninterventionen geht, sind darüber hinaus andere effektiven Therapieformen (Tiefenpsychologie, Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gesprächtherapie nach Rogers, Systemische Familientherapie) in unseren Arbeitsansatz integriert.
Im körperpsychotherapeutischen Verständnis gehen wir von einem Körpergedächtnis, das von Neurowissenschaftlern (vgl. Schore, 2007, S. 75) implizit prozessuales Gedächtnis genannt wird, aus, welches von der Zeugung an wirkt. Hier werden auf zellulärer Ebene gute wie negative Erlebnisse gespeichert. Diesem Modell liegt ein enges Zusammenwirken von Körper, Geist und Seele zugrunde. In Anlehnung an Reich wird von einem Pulsationsprinzip zwischen Expansion und Kontraktion der Lebensenergie ausgegangen, das alle körperlichen Systeme bis zur Zelle betrifft. Pulsationsprinzipien gibt es innerhalb des Individuums, wie wach sein und schlafen, aktiv sein und entspannen, sowie außerhalb in unserer Umgebung der Tag- und Nachtrhythmus und Kreisläufe der Natur. Der Mensch ist ein Teil dieser Natur. Beeinflussen wir diese durch künstliche Befruchtung, eine stressreiche Schwangerschaft, Eingriffe in den Geburtsverlauf, fehlendes Bonding unmittelbar nach der Geburt, fehlenden oder defizitären Bindungsaufbau im Wochenbett oder Partnerproblematik etc., kann es zu schwerwiegenden Folgen kommen.
Wird die Regulation dieser inner-organismischen Funktionen gestört, entstehen Symptome oder Blockaden, das Selbstregulationssystem entgleitet. Der Embryo/Fötus kann von Anfang an negativen (Stress) oder positiven (gute Bindung) prä-, peri- oder postnatalen Einflüssen ausgesetzt sein. Er bringt z.B. vegetative oder inner-organismische Prädispositionen mit auf die Welt. Diese haben prägenden Einfluss auf seine Regulationsfähigkeit. Im negativen Fall zeigen sich Unterbrechungen der Selbstregulationsfähigkeit auf psychischer, vegetativer oder muskulärer Ebene. Zusätzlich gilt psychosozialer mütterlicher Stress während der Schwangerschaft als Risikofaktor zur Ausbildung einer Schreistörung. Die Umstände der Zeugung, das Befinden der Schwangeren, sowie die Beziehung zum Embryo/Fötus, die Geburt und die früheste Kindheit sind daran maßgeblich beteiligt. Auf der Basis des Körpergedächtnisses können die genauen Zusammenhänge von prä- und perinatalem Stress und dessen folgenschwere Auswirkungen erklärt und bearbeitet werden.
Für das Setting bedeutet dies, das wir unsere Klienten auch berühren (z .B. bei der „Kaiserschnittmassage“ u.a.), sowohl den Säugling also auch die Mutter/den Vater.
Auf Grundlage der oben angegebenen Theorien arbeiten wir nach einem drei Säulen Modell was folgendes beinhaltet:
a) Die Arbeit am Organismus des Kindes (beziehungsorientierte Körperarbeit),
b) Das beraterisch-therapeutische Gespräch mit der Mutter (klärungs- und bewältigungsorientiert),
c) Die Arbeit am Organismus der Mutter/des Vaters (beziehungsorientierte Körperarbeit). Was uns in dieser Arbeit besonders am Herzen liegt, ist die Unterstützung der Mutter, um nach Daniel Stern zu sprechen „mothering the Mother“
Evaluation:
Die SchreiBabyAmbulanzarbeit wurde extern von der Freien Universität evaluiert. Es handelt sich um eine zweiteilige Studie. Im ersten Teil wurden im Rahmen einer Diplomarbeit der Verlauf von 6 Fällen von Fr. Diederichs mit der Videokamera aufgezeichnet und ausgewertet. Im zweiten Teil der Arbeit wird zusammenfassend evaluiert, was diese sechs Nutzerinnen im Rahmen der Krisenintervention erlebt haben. Das heißt, die Beurteilung der, in der Krisenintervention geleisteten Arbeit ist auf die Bewertung der Betroffenen selbst zurückzuführen. Die Ergebnisse zeigen mögliche Belastungsfaktoren, die das ausgeprägte Krisenerleben begünstigen, sowie die Sofort- und Langzeiteffekte der Interventionsarbeit. Insgesamt wird das Angebot der Schreibabyambulanz von den Nutzerinnen als eine positive Erfahrung beschrieben. Die Krisenintervention führte zu einer Verbesserung des Mutter-Kind-Kontaktes, sowie zu einem Rückgang der kindlichen Symptome und einem gesteigerten Wohlbefinden von Mutter und Kind. Das therapeutische Vorgehen wird aus der Sicht der Betroffenen und der Fachfrau selbst beschrieben.
Fallvignette:
Eine sehr erschöpfte Mutter erscheint mit ihrem kaiserschnittgeborenen Kind in der Sprechstunde. Das Kind zeigt starkes Unbehagen. Die Mutter gibt dem Kind in der Interaktion alles was ihr möglich ist, aber ohne Erfolg. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die Mutter sich eine „natürliche Geburt“ gewünscht hat. Sie ist über ihr “Versagen“ enttäuscht und hat dementsprechend Schuldgefühle. Die Mutter steht noch unter Schock, was daran zu sehen ist, dass sie ihrem Kind nicht das geben kann, was es braucht. Das wirkt sich nachteilig auf das Bindungsverhalten von ihr zum Kind aus. Aus körpertherapeutischer Sicht muss die Mutter wieder Vertrauen in ihren Körper gewinnen. In der von Empathie getragenen Begleitung durch den Therapeuten „versteht“ sie nun, dass es nicht ihre Schuld ist. Ihre Erschöpfung wird weiterführend mit einer Rückenstreckermassage zur Stärkung und Nährung für ihr Erschöpfungssyndrom begleitet und deren Ursachen tiefenpsychologisch erforscht. Jetzt ist sie wieder „präsent“, kann für ihr Kind da sein und eine gesunde Bindung aufbauen. Dem Kind, das die Geburtspassage nicht erlebt hat, wird die Kaiserschnittmassage gegeben, damit diese taktile Nachnährung und der „Verkörperungsakt“ stattfinden kann.
Die theoretische und praktische Arbeit der körperorientierten Babytherapie wird ausführlich in einem aktuellem Aufsatz (Diederichs/Jungclausen, 2009,S. 209-250) dargestellt. Die aktuell stattfindende Fortbildung zur körperpsychotherapeutischen Arbeit mit Babys und ihren Eltern wurde durch die Psychotherapeutenkammer Berlin zertifiziert.
Paula Diederichs
Gerd Poerschke
Literatur:
Diederichs, Paula/Jungclaussen, Ingo (2009) Zwölf Jahre Berliner SchreiBabyAmbulanze- eine Positionierung körperpsychotherapeutischer Krisenintervention und früher Hilfen. In: Thielen, Manfred (Hg.) Körper-Gefühl-Denken. Körperpsychotherapie und Selbstregulation, Gießen.
Schore, Allan N. (2007) Affektregulation und die Reorganisation des Selbst. Stuttgart.